Weihnachtsgeschichte

Weihnachtsgeschichte

Kleine Anmerkung:
Zwar erzähle ich gern in der Ich-Form. Meine Geschichten sind deshalb aber nicht biografisch zu verstehen.

Die Umfrage
Eine nicht ganz alltägliche Weihnachtsgeschichte

© Gisela Baltes

Herr August Kayser, ledig, alleinstehend, kleines Licht beim Amt für Statistik, verzichtet auf seinen Urlaub zwischen Weihnachten und Neujahr zugunsten seiner verheirateten Kollegen. Bei der Weihnachtsfeier am 23. Dezember klopft ihm sein Abteilungsleiter jovial auf die Schulter: "Also Herr Kayser, nun halten Sie mal schön die Stellung so allein. Und wenn Sie Langeweile haben, dann machen Sie sich doch schon mal Gedanken über die Volkszählung im nächsten Jahr." Und weil ihm das noch nicht nett genug scheint, dem vorweihnachtlich gestimmten, sonst gar nicht so jovialen Chef, fügt er noch hinzu: "Sie wissen ja, ich halte viel von Ihrem Urteil."

Herr Kayser weiß nicht. Denn sein Chef hat sich noch nie für seine Meinung interessiert. Aber weil August Kayser Weihnachten sonst eh nichts geschenkt bekommt, kann er nicht wählerisch sein. So nimmt er die schön verpackten Worte dankend entgegen und trägt sie sorgsam nach Hause. Erst am Heiligabend, als in allen anderen Wohnungen ringsum der Weihnachtsbaum besungen wird, packt er sie dann vorsichtig aus, wendet sie hin und her. Dann schüttelt er sie gründlich, ob nicht ein Körnchen Wahrheit herausfällt.

Nun ja, wenn er es recht bedenkt, dumm ist er nicht. Nein, eigentlich ist er sogar recht gescheit. Denn was er sagt, das hat stets Hand und Fuß. Vielleicht hat das sein Chef endlich gemerkt. Und weil die wohlgefüllte Weihnachtsgans in seinem Backofen noch eine Weile köstlich duftend vor sich hinbraten wird, nimmt er sich ein leeres Blatt Papier, setzt sich an seinen großen Tisch, um sich gescheite Volkszählungsfragen auszudenken. Diese Volkszählung muß nämlich eine besondere werden. Nicht wieder so ein Dilemma wie die letzte.

Doch bevor er noch irgendeinen klugen Gedanken entwickeln kann, schellt es an der Tür. Vielleicht ein Nachbarn, der ihm ein frohes Weihnachtsfest wünschen will.

Mitnichten. Vor der Tür steht doch tatsächlich so ein abgerissener Strolch, rote Hände von der Kälte, rote Nase von der Kälte und vom Schnaps, und bittet um eine freundliche Gabe. Herr Kayser holt tief Luft. So eine Unverfrorenheit ist ihm noch nie vorgekommen. Nicht mal Weihnachten ist man vor solchen Leuten sicher.

"Also hören Sie mal, Mann, wissen Sie eigentlich, was für ein Tag heute ist?"

Der Mann nickt: "Weiß ich! Eben drum. Unsereins würd auch gern was von Weihnachten merken." Und tief atmet er die köstlichen Düfte der Gans ein, die durch die Tür entweichen und die Treppe hinunter tänzeln.

Und während die Düfte enteilen, stiehlt sich durch die offene Wohnungstür ein bisschen Tannenduft von nebenan hinein in Herrn Kayser, geradewegs und mitten in sein Herz, genau dahin, wo die verstaubte Schachtel mit alten Weihnachtsliedern, mit Kindergeheimnissen, mit Friede auf Erden und all dem guten Willen seit Jahren fest verschnürt steht.

Keine alte Schachtel kann Tannenduft widerstehen. So öffnet sie sich und all die guten Dinge purzeln fröhlich heraus, schwirren durch seinen Kopf, greifen ihm unter die Arme und lösen seine Zunge. Und eh er sich versieht, hat er den Mann gebeten herein zu kommen und Platz zu nehmen.

Da sitzt der nun, ein Stück Dreck, mitten in seinem Wohnzimmer vor dem Tisch mit dem fast leeren Blatt. Der Fremde fasst es mit seinen schmierigen Fingern an und liest stockend: "Volkszählung." August Kayser sieht ihn gequält an, wie man ein ekliges Insekt betrachtet, sieht, wie es in dem verwüsteten Gesicht arbeitet, wie es sich erhellt: "Ja, Volkszählung. So war das Weihnachten. Hatte ich ganz vergessen."

Widerwillig erklärt ihm Herr Kayser, dass es hier nicht um die biblische Volkszählung geht, sondern um eine wichtige Volkserfassung im nächsten Jahr, die er gerade ausarbeitet. Eine schwierige verantwortungsvolle Aufgabe, die sein Chef gerade ihm übertragen hat, weil er für diese sensible Aufgabe besonders geeignet ist.

"Und was fragt man da?" will der Penner wissen.

"Nun ja", erklärt Herr Kayser vage, "eben alles, was man so von den Leuten wissen will." und schlau fügt er hinzu: "Was würden Sie denn fragen?"

Da muß der andere nicht lang überlegen. Er atmet genüßlich den Gänseduft ein und meint: "Ich würd fragen:

"Wann hatten Sie zum letzten Mal eine leckere warme Mahlzeit?"

Gerade in diesem Moment rumpelt die alte Schachtel noch einmal heftig und läßt Herrn Kayser eine freundliche Einladung zum Gänsebraten entgleiten. Ein pfiffiges Lächeln mischt sich unter die Bartstoppeln des Eingeladenen. Er blinzelt der alten Schachtel zu: "Spielregeln verstanden" legt den Kopf etwas schief und meint: "Ja, und dann würd ich fragen:

"Wann hatten Sie zum letzten Mal ein schönes, warmes Bad?"

Nun hatte auch Herr Kayser die Spielregeln verstanden. Und er spielt mit. Und während der Fremde seine Schmutzborke in Schauma 2000 noch aufweichen muss, ist das Herz von Herrn Kayser längst weich wie die Gans im Backofen. So ergänzt er nun seinerseits den Fragebogen des Gastes um zwei weitere Vorschläge:

"Wann haben sie zum letzten Mal frische Unterwäsche und ein sauberes Hemd angezogen?"

und

"Wann hatten Sie zum letzten Mal einen anständigen Anzug an?"

Eine knappe Stunde später trifft man sich dann zu dritt bei Tisch: Die Gans braun und kross und nach wie vor verlockend duftend, beherrscht den Tisch eindeutig als Hauptperson. Davor der glattrasierte, blitzblanke Fremde, der nicht minder köstliche, wenn auch andere Düfte verströmt. Er wirkt in dem betagten Cordanzug, den Herrn Kayser in Erinnerung an seinen Schulabschluß bis heute aufgehoben hat, beträchtlich feierlich. Gegenüber Herr Kayser im Sonntagsanzug, gleichfalls köstlich duftend.

"Wann haben Sie zum letzten Mal ein gutes Glas Wein getrunken?"

prostet Herr Kayser leutselig seinem Gegenüber zu. Doch der widmet sich gerade mit Hingabe der zarten Gänsebrust. Die Gans, die Herrn Kayser eigentlich auch noch durch den nächsten Tag hatte begleiten sollen, endet schon heute.

Und da Weihnachten ist, gibt es auch eine Bescherung. Herr Kayser schenkt dem Mann eine alte Steppjacke, die er für die Altkleidersammlung weggelegt hatte. Dazu eine Kappe und ein paar warme Handschuhe, bei denen nur der Daumen ein Loch hat. Und auf die alten Schuhe, die er eh nur beim Schneeschaufeln angezogen hat, kann er auch verzichten. Schließlich legt er noch in Geberlaune ein paar neue Socken dazu, die ihm zu groß sind. Der Fremde kramt in seinen alten Sachen, die noch im Bad liegen, und schenkt Herrn Kayser einen Flachmann, fast leer, aber mit einer hübschen silbernen Kappe.

Ein richtig schöner Abend wird das. Der Fremde denkt und spricht zwar etwas schwerfällig. Dafür öffnen sich bei Herrn Kayser die Schleusen ungewohnter Beredsamtkeit. Und der Fremde hört satt und zufrieden, friedlich und freundlich zu, wie Herr Kayser sich mal so alles von der Seele redet, was er noch nie jemandem erzählt hat, und was er schon längst mal jemandem hätte erzählen sollen.

Spät wird es, sehr spät. Zu spät, um so jemanden wieder auf die Straße zurückzuschicken. Also macht Herr Kayser das Bett fertig, in dem seine Mutter immer geschlafen hatte, als sie noch lebte.

"Wann haben Sie das letzte Mal in einem weichen, frisch bezogenen Bett geschlafen?"

Dann ziehen die beiden Herren sich in ihre Zimmer zurück. Während der Fremde sofort wie ein Stein schläft, liegt Herr Kayser noch lange wach und denkt nach. Und während er nachdenkt, schläft endlich die alte Schachtel ein, und Herr Kayser bekommt wieder einen klaren Kopf. Leise steht er auf. Leise dreht er den Schlüssel an seiner Zimmertür um. Wie gut, dass er alle Wertsachen in seinem Schlafzimmer aufbewahrt. Man weiß ja nie.

Und dann fallen ihm alle die Geschichten ein von ungebetenen Gästen, die unverschämt und anspruchsvoll werden und sich bei gutmütigen Menschen breit machen. Nicht mit mir, knurrt er entschlossen. Nicht mit mir. Er setzt sich energisch im Bett auf und probt in Gedanken einige sehr rabiate Ansprachen, mit denen er den Fremden vor die Tür setzen wird. Dann legt er sich wieder hin und schläft grimmig ein.

Und am nächsten Morgen wacht er grimmig auf. Er macht sich nicht einmal die Mühe, seine Zimmertür leise aufzuschließen. Soll der Fremde das ruhig hören. Jawohl, ihn überfällt man nicht einfach im Schlaf. Dann merkt der gleich, wo er dran ist. Energisch öffnet er die Tür, hinter der der Fremde schläft. Aber das Bett ist leer. Die Decken zusammengelegt, allerdings recht ungeschickt. Über dem Stuhl hängt der Cordanzug.

Der Fremde ist fort. Die "Weihnachtsgeschenke" hat er mitgenommen, auch die alten Sachen aus dem Badezimmer. Ob sonst etwas fehlt, kann Herr Kayser so schnell nicht überschauen. Mitten auf dem Tisch auf dem leeren Volksbefragungsblatt steht der Flachmann mit dem Rest Schnaps. Herr Kayser schüttelt sich angewidert, nimmt die Flasche mit spitzen Fingern auf und will sie fortwerfen.

Da sieht er die krakeligen Buchstaben auf dem weißen Fragebogenblatt. Mühsam entziffert er:

Wann wurden Sie das letzte Mal wie ein Mensch behandelt?
Danke Bruder!

Herr Kayser stellt die hübsche Flasche mit der silbernen Kappe wieder behutsam auf den Tisch.