Frau und Kirche

Frau und Kirche

Frau und Kirche

(Mk,7,24-30)

 

Biblisches Rollenspiel

über das Bedürfnis nach Ruhe

und das Bedürfnis nach Zuwendung

 

Ich bin der Meister,

der sich zurückzieht,

der seine Ruhe braucht.

Denn er ist erschöpft.

 

Ich bin die Frau,

die Frau, die ihn stört

mit ihrem Geschrei,

mit ihren Sorgen,

mit ihren Wünschen,

mit ihren Problemen.

 

Ich bin jede Frau der Welt,

suchend, wissend, wartend,

an jedem Ort, zu jeder Zeit.

 

Ich bin

die kranke Frau, die sorgende Frau,

die fordernde Frau, die schenkende Frau,

die liebende Frau, die leidende Frau,

Maria und Martha und Magdalena.

 

Ich bin viel herumgelaufen.

Ich habe gepredigt.

Verstehst du nicht, Frau:

Ich muss auch ich mal allein sein!

 

Ich bin die Frau,

die Frau, die sich nicht abweisen läßt.

Ich bin dir gefolgt und habe geschwiegen.

Ich stand in der Menge und habe geschwiegen.

Ich stand am Weg und habe geschwiegen.

Ich habe alle deine Worte gehört,

deine Taten gesehen.

 

Nun will ich,

dass du mich anhörst.

dass du mit mir redest.

dass du mich verstehst.

 

Sprich mit mir wie mit deinen Jüngern,

erklär mir, was ich nicht versteh.

Lass mich nicht länger am Wegrand stehn,

nur um zu klagen und weinen.

Lass mich deine Kirchen nicht länger füllen,

um nur immer Ja und Amen zu sagen.

 

Nicht jetzt, Frau!

Wähl eine bessere Zeit.

Ich habe geheilt, habe Tote erweckt.

Ich hab keine Kraft mehr.

 

Bitte schick mich nicht weg!

Ich will -

nein, ich bitte dich,

mich in meiner Not nicht zu lassen,

dein Ohr meinen Worten zu öffnen,

dein Herz nicht vor mir zu verschließen.

 

Ich habe gehört, Frau.

Doch sieh meine Erschöpfung.

Komm ein andermal wieder.

Lass mich allein!

 

Verzeih meine Hartnäckigkeit.

Verzeih mir, dass ich nicht Ruhe gebe.

Ich sehe dich wirklich müde, erschöpft.

Ich werde geduldig beiseite treten,

werde weit entfernt dort hinter dem Hügel warten,

werde ausharren und deinen Schlaf nicht stören.

 

Doch bitte erlaub mir, dass ich dort warte,

dass ich dort hoffe, dass du mich rufst.

Denn du bist der Meister.

Zu wem sollte ich sonst gehen? Zu wem?

 

Und wenn du mich neunundneunzigmal abweist,

so kehre ich hundertmal bittend und fordernd zurück.

Und wenn du mich neunundneunzigmal nicht verstehst,

so werd ich dir hundertmal mein Suchen und Streben erklären.

Und lässt du mich neunundneunzig Jahre lang warten,

so hab ich für hundert Jahre Geduld.

 

Abbruch des Spiels!

Die Antwort des Meisters

verschieben wir auf ein anderes Mal.

 

© Gisela Baltes, 1990